Bilanz eines Verbrechens

Als Racheakt für das Attentat auf den Reichsprotektor für Böhmen und Mähren, Reinhard Heydrich, wurde das Dorf Lidice am Morgen des 10. Juni 1942 von den Nazis überfallen.
Es lebten zu dieser Zeit 493 Einwohner, davon 192 Männer, 203 Frauen und 98 Kinder im Ort.
Weitere 7 Kinder wurden bis Ende 1942 geboren.

Ohne Anklage wurden alle Männer über 15 Jahre erschossen. Die Frauen brachte man mit ihren Kindern nach Kladno in eine Turnhalle des Gymnasiums, wo sie nach drei Tagen gewaltsam von einander getrennt wurden. Die Frauen wurden in das deutsche Konzentrationslager Ravensbrück verschleppt, die Kinder wurden bis auf wenige, die zur "Eindeutschung" vorgesehen waren, im polnischen Chelmno mit Autoabgasen umgebracht.

Die grausame Tat des nationalsozialistischen Wahns kostete 192 Männern, 60 Frauen und 88 Kindern das Leben. Das Dorf mit dem Rathaus, der Schule, der Kirche und dem Friedhof wurde gesprengt und anschließend dem Erdboden gleich gemacht. Kein Stein blieb auf dem anderen stehen!

Die Nachricht über die Vernichtung von Lidice ging um die ganze Welt und rief eine ungeheure Empörung hervor. Spontan nahmen zahlreiche Gemeinden rund um den Erdball den Namen von Lidice an, um ihn dadurch unvergesslich zu machen. Im Lauf der Gerichtsverhandlungen des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses ist auch der Name Lidice genannt worden. Die Vernichtung von Lidice wurde als eines der Verbrechen, das niemals aus dem Gedächtnis der Menschheit verschwindet bezeichnet.

Der Weg zur Vereinsgründung

Der sozialdemokratische Widerstandskämpfer Ernst Froebel aus Berlin reiste nach dem Kriege mit Jugendlichen zu Stätten nationalsozialistischen Unrechts.

Eine seiner Reisen führte ihn im Jahre 1984 nach Lidice, wo er mit Freunden, die der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands nahe stehen, die ersten 50 Rosenstöcke aus dem Westteil der Stadt Berlin nach Lidice brachte. Jeder Teilnehmer pflanzte seine Rose persönlich, als Ausdruck seines Bekenntnisses für Lidice.

Aus dieser Zeit stammen die freundschaftlichen Verbindungen zu Olga Zamecnikova, Mila Kalibova, Vaclav Zelenka, Vaclav Hanf, Pavel Horesovsky, Jiri Müller, Emelie Frejova und vielen anderen der überlebenden Frauen und Kinder aus Lidice.

Seit 1989 besteht der Arbeitskreis als eingetragener Verein. Er hat sich zum Ziel gesetzt, der Völkerfreundschaft zu dienen und im Besonderen Kontakte zu den überlebenden Frauen und Kindern von Lidice zu entwickeln. Seit 1990 finden Besuche und Gegenbesuche zwischen Lidice und Berlin statt.

Für sein unermüdliches Engagement für Lidice überreichte im Mai 1994 der damalige Reinickendorfer Bürgermeister Detlef Dzembritzki im Auftrage des Bundespräsidenten das Bundesverdienstkreuz und im Juni 1994 wurde Ernst Froebel von der Gemeinde Lidice zum Ehrenbürger ernannt. Das Bundesverdienstkreuz nahm er entgegen, stellvertretend für alle Mitarbeiter des Arbeitskreises, wie er erklärte. Die Ehrenbürgerschaft von Lidice war für ihn eine der größten persönlichen Auszeichnungen seines Lebens.

Auf seine Initiative wurde 1995 vor dem Rathaus Reinickendorf in Berlin, ein Rosenbeet mit 50 Rosen aus Lidice eingeweiht. Auf einer Gedenktafel stehen die Worte von Thomas Mann: "Deutsche, ihr sollt es wissen. Entsetzen, Scham und Reue ist das Erste, was Not tut."

Der langjährige Vorsitzende des Arbeitskreises ist im März 2001 im Alter von 89 Jahren verstorben.